Ayahuasca Teil 2

Nun stand ich da, vor einer Veranda in der mehrere Shipibo-Frauen in Hängematten hingen, fernsahen, während sie Handarbeiten anfertigten. Eine der Frauen verkaufte gerade handgefertigte Kleidung an zwei Männer. Marco und Chipsy, zwei Italiener wie sich später herausstellte; der eine hatte Dreads, die bis über den Hintern reichten und der andere etwas Kürzere, beide sehr spartanisch gekleidet, aber sehr sympathisch. Sowohl die Frauen, als auch die beiden Burschen schauten mich fragend an und wussten nicht wirklich, wo sie mich einordnen sollten. Dann fragte ich, ob sie denn wüssten, wo es einen guten Schamanen gibt. Sie erklärten mir, dass hier Mateo Ayahuasca Zeremonien betreibt, aber sie wüssten nicht, ob ich bleiben kann. Nachdem sie aber sahen wie es um meine körperliche Verfassung bestellt war, ließen sie mich erst mal hinsetzen und gaben mir Tee. Nun lag ich da in einer Hängematte und dachte nach, ob das denn hier der richtige Ort sei… In meiner Vorstellung stellte ich mir das wesentlich uriger vor und ohne Touristen… tja Vorstellung trifft auf Realität… Allerdings fühlte ich mich von Anfang an wohl und ich dachte mir: Wenn das hier gut genug für die beiden Hippies ist, dann kann es wohl nicht so schlecht sein… die lassen sich bestimmt nicht über den Tisch ziehen. Außerdem weiß ich doch noch nicht mal, ob ich bleiben darf… Etwas später gab mir eine der Frauen Bescheid, ich dürfe bleiben und ich blieb. Es war bereits ca. 5 Uhr und ich hatte nichts gegessen, weil ich ja wusste, dass ich eine Diät befolgen muss. Man liest immer sehr unterschiedliche Diäten, aber in meinem Fall war es: kein Fleisch, keine Zwiebeln, kein Knoblauch, kein Salz, kein Zucker, kein Fett, kein Sex, kein Alkohol, kein Marihuana, kein Käse, kein Kaffee, keine Zigaretten. Auf diese Dinge sollte man auch schon einige Tage vorher verzichten… Einen Tag vor meinem Abflug Lima-Pucallpa habe ich leider gegen ein paar dieser Dinge verstoßen… Sie sagten mir, ich könne gleich am selben Abend an der Zeremonie teilnehmen, wenn ich Lust hätte. Nun wurde es also ernst. Vor einigen Minuten war ich noch ganz alleine im Nirgendwo und auf einmal ging es los… Nun muss ich allerdings noch einwerfen, denn ich glaube, ich habe das im ersten Teil nicht sehr deutlich gemacht: Ich wollte das unbedingt, koste es was es wolle… und wenn die Horrorgeschichten im Internet stimmen dann soll es wohl so sein. Ich konnte nicht sterben, ohne zu wissen wie es ist. Doch eines möchte ich auch ganz klar sagen kurz davor hatte ich RICHTIG Angst. Ich hatte nicht Angst davor meinen Ängsten zu begegnen, dafür war ich bereit. Vielmehr: deshalb war ich dort. Nein, ich hatte Angst zu sterben oder bleibende Schäden davonzutragen. Ich möchte das betonen, weil so viele Leute sagen: Mach es nicht, wenn du Angst hast… Ich denke mach es, wenn du glaubst du musst es machen. Zurück nach San Francisco: Nun brachte mich die Frau auf mein „Zimmer“. Ich hatte ein kleines „Zimmer“ in einer Holzhütte. In dieser Holzhütte hatten Marco, Chipsy und Tibou ein französischer Junge und ich ein kleines Zimmer mit einem mehr als spartanischem Bett, die Wände gingen nicht bis zur Decke und man hatte keine Türe, sondern nur ein Tuch davor. Ich legte mich erst mal auf mein „Bett“ und verdaute die Situation… War ich bereit dafür? Noch dazu an diesem Tag nach dieser abenteuerlichen Anreise und der tollen Lebensmittelvergiftung vom Vortag, die sich vermutlich nur deshalb gelegt hat, weil ich nichts mehr im Magen hatte… Während ich da so vor mich hinüberlegte, sagte auf einmal eine Stimme: „You need to calm down…“ Was??? Hatte ich etwa laut gedacht??? Ich hüpfte aus dem Bett und ging aus dem Zimmer, um zu sehen woher die Stimme kam. Es war Marco. Er versuchte mich zu beruhigen und ich fragte ihn, wie es denn so sei und ob er auch Angst hatte (natürlich sagte er nein… es sagen immer alle nein…). Wir hatten ein langes Gespräch, er beruhigte mich und erzählte mir, dass er und sein Freund Chipsy extra von Brasilien quer durch den Kontinent gereist waren, weil sie so gutes von Mateo gehört hatten und dass sie schon über zehn Tage da seien und er keine einzige schreckliche Nacht hatte und dass auch die anderen keine Horrortrips hatten, auch die Argentinier nicht, nur ein Junge, er hatte 5 Nächte und jede Nacht hat er geschrien und getobt… Die Argentinier, dachte ich mir??? Es stellte sich heraus, dass eine Yogagruppe aus Argentinien angereist war und auch an den Zeremonien teilnahm, diese Gruppe bestand aus ca. 20 Leuten. Die Gruppe war also sehr groß, was mich irgendwie beruhigte, denn ich dachte, wenn so viele Leute teilnehmen und keiner ist gestorben (sowie es in den Horrorbeiträgen ja immer heißt) dann kann es ja nicht so schlimm sein ;). Später kam Mateo und wir saßen zusammen in einer anderen Hütte, in der gegessen und Tee getrunken wurde.

Mateo sah nicht so aus, wie ich mir einen Schamanen oder Curandero vorstellte, er trug Jeans und ein kurzärmeliges T-Shirt. Ich fragte ihn, was ich denn berücksichtigen soll, immerhin habe ich zwar viel darüber gelesen, aber es halt noch nie gemacht. Er sagte: ¡Toma y disfruta! also: Nimm es und genieß es! Ich dachte, wenn das so einfach wäre… Ich fragte ihn ob schon einmal jemand bei ihm gestorben sei, daraufhin hat er mich ausgelacht und ich antwortete, dass mir alles andere eigentlich egal sei, nur muss ich nicht unbedingt sterben, da ich eigentlich recht gerne lebe. Er meinte, wenn ich gerne lebe, sei das schon mal eine gute Voraussetzung. Später kamen die Argentinier und wir saßen unter Mondschein am Boden. Jeder schien sehr interessiert an mir und ich erzählte meine Geschichte wieder und wieder bis irgendwann die Stunde gekommen war, wir alle unsere Matten nahmen und uns in der runden Hütte verteilten. Jeder hatte eine Matte, eine Decke und einen Kübel. Ryota, der Junge von dem mit Marco zuvor erzählt hatte, legte sich neben mich, es war seine letzte Nacht und er erzählte mir selbst noch einmal, dass er ganz furchtbare Nächte davor hatte. Wir hatten unsere Matten alle ganz nahe beieinander, da wir ja so viele waren. Es war eine kuschelig angenehme Stimmung… Irgendwie wie im Ferienlager und irgendwie waren wir uns unbekannterweise auch verbunden, weil wir ja aus demselben Grund an diesem Ort waren. Es dauerte eine Weile, bis Mateo kam, einige unterhielten sich, einige machten Yoga, einige waren ganz ruhig und mit sich beschäftigt. Irgendwann kehrte Ruhe ein und jeder setzte sich im Schneidersitz hin und beobachtete Mateo. Er weihte und segnete den Raum und das Ayahuasca mit Rauch. Dieser Rauch entsteht durch das Rauchen von Mapacho in einer Pfeife. Soweit alles wie ich bereits gelesen hatte. Er richtete einige Worte an die Gruppe und später ging eine Frau (leider habe ich ihren Namen vergessen, sie war wie seine Tochter, er hat sie aufgenommen und seither half sie ihm bei den Zeremonien) durch und gab jedem ein Stamperl (falls das hier ein Deutscher liest, damit meinen wir ein Trinkglas aus dem man einen Shot oder Schnaps raustrinkt ;)) von diesem Ayahuasca. Es dauerte eine Weile bis das Stamperl die Runde zu mir machte. Ich hörte von verschiedenen Erfahrungsberichten bereits, Ayahuasca soll so ungefähr den furchtbarsten Geschmack haben, den es gibt. Als ich es dann trank dachte ich: Naja also es schmeckt schon furchtbar, aber es ist erträglich. (hahaha freut euch schon auf meinen 3. Teil) Nachdem wir alle unser Ayahuasca zu uns genommen hatten, wünschte uns Mateo eine gute Reise ¡buen viaje! und machte das Licht aus. Und schon ging es los, die Ersten begannen zu erbrechen und mir war auch schon übel, ich erbrach einmal ganz kurz und legte mich anschließend nieder, während die anderen weiter erbrachen. Ich wartete nun also sehnsüchtig auf das Einwirken des Tees. Ich las zuvor, dass Ayahuasca von den Einheimischen als weiblich angesehen wird, da es aus zwei weiblichen Pflanzen hergestellt wird: der Chacrunapflanze und der Ayahuascaliane. Und sei es Einbildung oder auch nicht, ich finde man spürt Attribute die man einer Frau zuordnen würde. Es war als würde eine schützende Hand über einem sein und man fühlt sich sehr geborgen. Ich hatte keine Angst mehr, egal was jetzt kommen würde, es würde gut für mich sein, davon war ich überzeugt. Bei einigen ging es sehr schnell bis die Wirkung eintrat, bei mir jedoch dauerte es einige Zeit. Ich hatte die erste Eingebung und zwar ein leuchtender weißer Katzenkopf (ja das ist kein Scherz haha) etwas später hatte ich comicartige Visionen und ich kann mich noch erinnern als ich währenddessen dachte: „Oh Mann, und für das bin ich nach Perú geflogen…“ Ich hatte Bauchkrämpfe und ja ich spreche auch aus, was immer jeden interessiert und keiner ausspricht: ich musste aufs Klo. Ziemlich dringend sogar und NEIN man macht sich nicht in die Hose, sondern man geht raus und geht aufs Klo. Sobald man die Augen öffnet, hat man keine Visionen mehr, man ist zwar nicht ganz klar, aber man kann ohne Probleme aufs WC gehen. Man ist jedoch sehr lichtempfindlich. Da ziemlich viele oft gleichzeitig aufs Klo müssen, kann es manchmal zu kurzen Wartezeiten kommen. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, diese körperliche Reinigung sei in diesem Moment angenehm, man hat Durchfall und alles will raus, aber danach geht es einem umso besser. Um ehrlich zu sein, war der erste Abend nicht wirklich besonders, es war weder eine besonders gute Erfahrung noch eine schlechte. Ich denke, ich habe sehr viel geschlafen, weil ich vom Vorabend so müde war konnte ich mich auch an viele Visionen gar nicht mehr erinnern. Denn es gab auch Gesänge und von denen habe ich gar nichts mehr mitbekommen. Am nächsten Morgen (aufgestanden wird übrigens ca. um 8) haben wir alle gemeinsam gefrühstückt und unsere Erlebnisse ausgetauscht. Die erste Nacht war also überstanden, fehlten nur noch vier weitere. Ryota war im Übrigen bereits abgereist, er schrieb mir Monate später, dass das das schönste Erlebnis seines Lebens war und in dieser Nacht fühlte er sich, als wäre er durch den Kosmos geschwebt. Ayahuasca hätte ihm zwar die meiste Zeit große Schmerzen bereitet, jedoch es hat ihn gezwungen über viele Dinge in seinem Leben nachzudenken.

Die nächsten Abende werden nicht so langweilig  aber ich muss die Beiträge etwas aufteilen… hier geht es zum 3. Teil

Das ist eine Bildunterschrift